Führen und geführt werden

Die amerikanische Schriftstellerin Johanna Siegmann beschreibt in ihrem Buch "The Tao of Tango", wie sie, als emanzipierte moderne, durchsetzungsfähige Frau, den Tango kennen und lieben lernte. Ihre Gedanken sind so treffend und schön, dass ich sie hier in Ausschnitten (von mir übersetzt) vorstellen möchte.
Zunächst fand sie den Tango als typischen Machotanz natürlich abscheulich, ohne ihn überhaupt zu kennen. Nach viel Mühe überredete sie eine Freundin zu einem Tangotanzabend. Und ab da war es um sie geschehen: Der Tangovirus hatte sie voll gepackt. Beim Tanzen lernte sie eine Menge über die Geschlechter und deren Verhältnis zueinander und zu sich selbst.
Als erstes definiert sie den chinesischen Begriff des Tao (ausgesprochen: dau):
Das ist das Prinzip des Tao - sich dem natürlichen Gleichgewicht der Dinge hinzugeben.
Und so sieht sie den Tango:
Tango repräsentiert den wahren Kern männlicher und weiblicher Energien.
Ihr ganzes Leben lang war sie als männlich, aggressiv, dominant beschrieben (und verschrien) worden, obwohl sie sich durchaus weiblich fühlte. Sie hatte versucht, sich den Vorstellungen der Gesellschaft von "Weiblichkeit" anzupassen, was natürlich misslang. Und dann erlebte sie im Tango dies:
Ich fühlte mich extrem weiblich und gleichzeitig furchterregend mächtig. Tango repräsentiert den wahren Kern männlicher und weiblicher Energien ... Durch die Stärkung meiner weiblichen Energien fühle ich mich mehr verwurzelt und weiblich, und doch bin ich immer noch unabhängig, kraftvoll, nach außen gerichtet.
Ich redete in einer Sprache der Seele, die in einem Teil von mir hauste, von dem ich niemals wusste, dass er existierte: Ich erfuhr zum ersten Mal meine weibliche Energie.
Schließlich:
Leben ist ein Tango - männliche und weibliche Energien, die das richtige Gleichgewicht suchen.
Interessant sind ihre Erkenntnisse zum Führen und Geführtwerden. Sie beobachtete einen Mann, der zu den besten Tänzern gehörte und für alle sichtbar exzellent führte. Sie wollte sein Geheimnis ergründen, und es gelang ihr: Der Mann war so sensibel, dass er die Bewegungen seiner Partnerin vorausahnte und sich sofort darauf einstellte. Er führte also gar nicht, in dem Sinn, wie wir das immer meinen ("Führer befiel, wir folgen dir, bedingungslos und ohne nachzudenken"), sondern er war in ständigem körperlichen Dialog mit seiner Partnerin. Wenn sie etwas tat - oder auch nur beabsichtigte -, machte er mit, und das vermittelte ein so starkes Gefühl der Harmonie.
Alles hat seine wahre Natur in seinem Inneren. Auch Mann und Frau. Sobald der Mann führt und die Frau folgt, vervollständigt sie die Figur, während er wartet. So verschieben sich die Energien. Im Tango, wie im wahren Leben, bewegst du dich nach vorn und zurück, pendelst zwischen beiden Energien beinahe unbewusst. Im Tango ist der Mann immer männlich, die Frau immer weiblich.
Denn:
Bei sorgfältiger Beobachtung konnte ich genau erkennen, welches Paar nur die gelernten Schritte ausführt, und wer tatsächlich fühlte, was er und sie tanzten. Letztere gaben sich der Musik und einander hin. Das ist der Unterschied zwischen denen, die allein tanzen, und denen, die miteinander tanzen.
Der Mann führt mit dem ganzen Körper, mit Schultern und Beinen. Die Arme verwendet er, um mit der Partnerin in Kontakt zu bleiben. Wer mit den Armen führt, zeigt, dass er nicht führen kann, und er wird seien Partnerin bald hin- und her schieben. Die Frau muss sich der Umarmung durch den Mann hingeben, ohne an ihm zu hängen. Bei korrekter Führung erzeugt der Mann einen Raum, in den Frau fließen kann.
Aber: Um mich richtig bewegen zu können, muss ich mein eigenes Gleichgewicht, meinen eigenen Raum, meine eigene Unabhängigkeit erhalten - alles Ausdruck der männlichen Energie innerhalb der Frau. Der Tanz ist die Erfahrung beider Energien innerhalb einer jeden Person. Die Frau benutzt die männliche Energie, um ihre Schritte zu vollenden. Dem Mann hilft seine weibliche Energie, sich mit der Partnerin zu verbinden.
Die Grundlage einer jeden Beziehung, besonders im Tango, ist
ein großer Respekt füreinander ... Die Freiheit, die Sinnlichkeit des Tango auszudrücken, ist nur gegeben bei absolutem gegenseitigem Respekt. Könnte es sein, dass der gleiche Respekt und die gleiche Verbindung auch im wahren Leben zwischen Mann und Frau existiert? Die Verschmelzung der Energien während des Tanzes ist möglich, weil die Grenzen perfekt definiert und beachtet werden. Ist das Leben nicht wie ein Tango?
Ist der Tango erotisch, sinnlich oder sexy? Auch dazu hat Frau Siegmann einige interessante Beobachtungen anzubieten:
Sinnlichkeit ist pure Energie. Sexualität ist Energie, die der Körper ausdrückt. Sinnlichkeit ist innen, Sexualität außen. Sinnlichkeit ist weibliche, Sexualität männliche Energie. Energie ist nicht identisch mit Verhalten, doch wir interpretieren männliche und weibliche Energie als deren Verhalten.
Sexualität ist eine Anzeigetafel. Sinnlichkeit ist das Aroma frisch gebackener Süßigkeiten, das dich in die Küche lockt. Manche Mädchen sagen (durch ihr Äußeres): "Ich bin bereit", obwohl sie in Wirklichkeit nur sagen wollen: "Ich bin hübsch". Tango ist sexy und sinnlich, aber niemals vulgär. Sinnlichkeit entsteht dann, wenn das Ziel darin liegt, sich miteinander zu verbinden. Die Kleidung des Tango ist die sichtbare Manifestation der männliche und weiblichen Energie. Vulgär dagegen heißt: allein zu tanzen.
Hier etwas, das bei uns viel zu wenig gelehrt oder beachtet wird:
Der geschickte Tänzer muss nicht nur die Einheit mit seinem Partner herstellen, er/sie muss auch nach der Musik tanzen. Ohne Musik degradieren die Schritte zu einem Tauziehen zweier Egos. Die Musik bietet eine Erzählung, eine Beziehung. Auch das Leben kann als Folge verschiedener Lieder gesehen werden, jedes mit einem ein klein wenig anderen Tempo, Thema und Arrangement. Das Leben kann, wie der Tango, sehr kompliziert sein - und zwischen den Partner muss großer Respekt herrschen, sonst wird es holprig.
Und was ist das Geheimnis einer guten Tänzerin?
Während des Tanzes fühle ich mich sicher, vollkommen und mächtig. Doch wenn ich tanze, ohne meinen Geist zuvor klar zu machen, habe ich Füße wie Blei. Das Geheimnis: sich hinzugeben, während das Tanzen leicht fällt - Ich gebe mich dem äußeren Männlichen hin. Doch wenn ich nicht tanze, muss ich lernen, der männlichen Energie in meinem Inneren zu vertrauen. Denn: Folgen impliziert auch eine Pflicht: zuzuhören. Die Frau muss gehen, nicht sich ziehen oder schieben lassen. Der Mann muss die Fähigkeiten seiner Partnerin erkennen und innerhalb dieses Rahmens bleiben.
Aber den Tango darf man nicht mit dem wahren Leben verwechseln. Trotz aller Intimität, trotz der Vertrautheit der Körper und Seelen, trotz der manchmal intensiven Gefühle ist der Tango etwas, das auf einer Bühne stattfindet, auch wenn kein Mensch zusieht:
Im Tango ist es enorm wichtig, sich über die Grenzen des Tanzes klar zu sein. Es gibt eine gefährliche Linie, jenseits derer das "freundlich" in "zu freundlich" umschlägt. In diesem Augenblick wird die Leidenschaft real, und nur die Grenzen des Tangos hindern sie daran, ins wahre Leben hinein zu bluten.
Ihr bleibt zwei getrennte Körper, verbunden durch die Musik des Lebens. Wie im Tango, so ist es auch im wahren Leben gefährlich, sich für jeden Schritt voneinander abhängig zu machen.
Frau Siegmann macht sich auch Gedanken über die richtige Kleidung, etwas, das bei uns ebenfalls ziemlich vernachlässigt wird:
Mir wurde ziemlich schnell klar, wie wichtig die richtige Kleidung für diesen Tanz ist. Jede Kleidung, die für sich allein Aufmerksamkeit erregte, war falsch. Sie verhinderte die erforderliche Verschmelzung der Energien. Die echte Einstellung zum Tango ist individualistisch, aber nicht egoistisch. Sie ist persönlich, aber nicht selbst-betont. Sie dient dazu, selbst zu sein, doch nicht auf Kosten des Partners.
Das Problem (mit lockerer Kleidung) liegt darin, dass die ausgesandte Botschaft anders verstanden wird.
Und ein Trost an die Frauen und Männer, die nicht magersüchtig sind:
Es gibt keinen perfekten Tangokörper. Ob lang und schmal oder kurz und dick, ob alt oder jung, es spielt keine Rolle. Die hübschesten Tangopaare wirkten ungeschickt, weil ihre Energien nicht gemeinsam flossen. Sie machten Schritte, reagierten aber nicht aufeinander. Ihre körperliche Schönheit wurde beschattet von ihrer Unfähigkeit, miteinander in Beziehung zu treten. Die Schönheit von Energien im perfekten Gleichgewicht überstrahlt jeden Glanz und Glitter.

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